Start Selbstbau Modifizierung eines Tchibo-Newton

... oder "Wie man aus einem vermeintlichen "Schrottteleskop" ein tolles Einsteigerinstrument bauen kann."


Als meine Tochter Lea Mitte 2008 Interesse an der Astronomie bekundete und mich zu einem Teleskoptreffen begleiten wollte, kam mir kurzerhand die Idee, ihr meinen kleinen Bresser Newton mit 76mm Öffnung und 700mm Brennweite, zum Dobson umzubauen, damit sie auch ein eigenes Teleskop mitnehmen könnte. Der kleine Newton ist wie all die 76/700 Newtons aus den 80ger Jahren nur mit einem 0,96"-Okularauszug und einem sehr wackligen Stativ ausgestattet. Damit und den schrottigen 0,96"-Okularen zu beobachten, ist alles andere als ein Freude. Da ich aber dachte, dass so ein kleiner Newton prinzipiell sicher für einen Einstieg erstmal genügen würde, zumal ich ja auch den 8" Dobson dabei hätte, reifte bei mir der Entschluß mal zu versuchen, was aus dem kleinen "Tchibo-Torpedo" noch rauszuholen ist.

Vorab schonmal soviel: Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Beim quasi "Second Light" konnte ich z.B. den Mond und den Jupiter mit 175facher Vergrößerung mit meinem 4mm Planetary-Okular gut beobachten. Ich hatte vor allem am Mond nicht das Gefühl, daß ich übervergrößert hatte. Nein, es hat echt Spaß gemacht damit über die Mondoberfläche zu cruisen. Jupiter war aufgrund des Seeings nicht so ergiebig. Aber mit dem 9er und dem 6er TS-SWM waren die beiden Hauptwolkenbänder sehr gut zu sehen. Der Hammer war aber, daß ich im 6er TS-SWM bei 117facher Vergrößerung sogar epsilon Lyra gut trennen konnte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Der kleine Newton ist doch leistungsfähiger, als ich angenommen hatte. Vor allem nach dem Austausch des 0,96"-Okularauszugs auf eine 1,25"-Variante. Die kleinen 0,96"-Okus waren im Vergleich doch sehr schrottig. Mehr dazu weiter unten im Text.

Hier ein Foto des Teleskops im Originalzustand:

 































Der Umbau fand an einem Samstag- und darauffolgenden Sonntagnachmittag im August 2008 statt. Holz dafür habe ich vom Dachboden meines Vaters genommen, der hatte da noch einiges, passendes rumfliegen. Aus dem Baumarkt habe ich mir zwei 100er Abflußrohrdeckel (Danke Marius für den Tip auf Deiner Website) besorgt, die ich als Höhenlager "mißbraucht" habe und drei Kunststofffüße für die Rockerbox.



























Zu allererst haben Lea und ich geschaut, welchen Stuhl wir als Beobachtungsstuhl mitnehmen würden. Dann hat Lea sich mal damit vor den Newton gesetzt, der noch auf dem bekannten Wackelstativ montiert war. Somit konnte ich die mir optimal erscheinende Höhenlagerhöhe ausmessen. Dabei kam mir auch sofort der Gedanke, dass ich nicht die gleichen Befestigungslöcher für die Höhenlager benutzen würde, sondern den Tubus erst etwas in seiner Längsachse drehen und dann neue Befestigungslöcher bohren würde. Original steht der OAZ immer waageracht, was bei horizontnaher Beobachtung ziemlich doof und unbequem ist. Daher habe ich jetzt den Tubus ein paar Grad um die Längsachse gedreht, um einen leicht schrägen Einblick von oben zu erhalten. Dies hat sich bereits beim "Second Light" bewehrt. Ich habe dabei allerdings auch einen Fehler gemacht, den ich nicht verschweigen möchte. Ich dachte mir nämlich, daß ich mal schaue, ob der Punkt, an dem die alten Befestigungen saßen wirklich der Punkt ist, an dem der Tubus in Waage steht. Ich habe also den noch zusammengebauten Tubus mitsammt einem Okular auf einen Besenstiel gelegt und den Tubus solabge darauf verschoben, bis er so ziemlich in Waage liegen blieb. Diese Position habe ich markiert und dann als Mitte der Höhenlager angenommen. Als ich den Tubus dann später wieder zusammen hatte und ich zum ersten Mal die Rockerbox bei Tageslicht ausprobierte, stellte sich heraus, dass ich da irgendetwas übersehen hatte. Der Tubus hat jetzt leichtes Übergewicht in Richtung Hauptspiegel. D.h., ich werde vorn am Tubus ein wenig mit Gewichten ausgleichen müssen. Im Prinzip bleibt zwar der Tubus meist auch ohne Okular in Waage stehen, aber wenn es sehr feucht draußen ist, dann sackte der Tubus immer in Richtung Hauptspiegel weg, sobald ich das Okluar aus dem OAZ nehme.

Auf folgendem Foto kann man die alten und die neuen Befestigungspunkte des Tubus sehen:



























Pläne bzw. Zeichnungen von der Rockerbox habe ich vorher nicht gemacht. Ich habe ein paar Maße genommen und dann die Rockerbox einfach aus meiner Vorstellung heraus gebaut. Nach drei Stunden am ersten Tag war ich dann schon soweit:



































Am nächsten Tag ging es dann mit den runden Grundplatten weiter, die ursprünglich den gleichen Durchmesser haben sollten. Die Platten sind aus irgend einem, mehrfach verleimten und anschließend beschichtetem Holz. Eine Seite ist dabei glatt, die andere rauh. Nachdem ich die beiden Platten für einen ersten Test mit einer 8mm Maschienenschraube zusammengefügt hatte, fiel mir beim drehen sofort auf, daß ich mit der Stichsäge nicht sehr gleichmäßig gesägt hatte, sodass ich die untere Platte nochmal im Radius verkleinert habe. So fällt die Ungenauigkeit durchs Sägen nicht mehr auf.















Lea hat auch fleißig mitgeholfen. Sie hat z.B. die Holzteile mit Schmirgelpapier bearbeitet und auch beim finalen Anstrich geholfen.

An der Unterseite der unteren Platte habe ich dann die Füße und die 8mm Maschienenschraube befestigt. Das mittige Loch für die Maschinenschraube habe ich gerade so groß gebohrt, dass die 8er Schraube sich beim reindrehen quasi ein Gewinde in die untere Platte geschitten hat. Vorteil: Beim Anziehen der Flügelmutter, die zusammen mit der Schraube die beiden Platten zusammenhält, dreht sich die Schraube nicht mit.

Auf die Oberseite der unteren Platte habe ich altes Rolladen-Gurtband aufgenagelt, um die Rockerbox halbwegs ruckelfrei drehen zu können. Es funktioniert auch relativ gut, könnte vieleicht noch `n tacken leichter gehen.



























Dann noch den "Rockerturm" auf die obere Platte geschraubt und fertig ist der mechanische Aufbau der Rockerbox - ganz easy.

Für´s Auge und gegen Feuchtigkeit haben wir das ganze Teil dann noch mit schwarzem Lack bepinselt.



































Von einem Spechtler aus dem AstroTreff Internetforum bekam ich gegen kleines Geld noch einen Fangspiegel und einen Okularauszug in 1,25". Den Fangspiegel brauchte ich noch, da mir der alte Fangspiegel bei einem "unsachgemäßen" Reinigungsversuch leider stark verkratzt ist.

Der neue Okularauszug für 1,25"-Okulare brachte dann die größte Überraschung. Ich war völlig erstaunt darüber, wie krass der Unterschied zwischen den ollen 0,96"-Okus und meinen TS-SWM Okularen ist. Alein schon das größere Gesichtsfeld.


Im folgenden habe ich mal einen Vergleich mit einer Digitalkamera erstellt. Das erste Foto zeigt eine Aufnahme, die ich nur mit der Kamera von unserem Balkon aus gemacht habe. In der Mitte des Fotos ist ein Kirchturm zu sehen, den ich dann auf den darauffolgenden Fotos mit jeweils anderen Okularen durch den kleinen Newton fotografiert habe. Der Kirchturm ist laut Google-Earth genau 3km entfernt.



























Das erste Foto habe ich noch vor dem Umbau durch ein altes 0,96"-Okular mit 20mm Brennweite geschossen. Deutlich zu sehen die Einschränkung des Gesichtsfeldes und der Farbfehler durch das schrottige Okular. Die Einbuchtung im Gesichtsfeld links oben kommt übrigens vom Einsatz des Okluars an der Sonne ohne Objektivfilter:



























Im direkten Vergleich ein paar Tage später ein Foto durch mein 20mm TS-SWM-Okular mit 66° scheinbarem Gesichtsfeld. Die Kamera konnte leider das komplette Gesichtsfeld nicht erfassen.



























Hier nochmal der gleiche Blickwinkel mit meinem 25mm Okular, welches meinem Meade ETX-70 beilag:



























Und hier durchs 6mm TS-SWM, geschwenkt in Richtung Turmspitze:



























Zu guter letzt noch mit gleichem Okular und ein wenig Zoom der Digitalkamera:



























Gar nicht übel, oder?

Dann habe ich noch aus einem Stück Aluplatte einen Okularhalter gebaut, welcher dann auch noch schwarz gestrichen wurde.

Und so sieht er nun aus, der "neue" alte 3"-Bresser-Dobson, nachdem Lea die Rockerbox noch mit ein paar Leuchtsternen verschönert hat - wie Papa zuvor bereits an der Rockerbox seines 8"ers.



































Als Zubehör habe ich dann aus `nem Rest Baader-Sonnenfilterfolie und `nem weiteren 100er-Abflußrohrdeckel einen Sonnenfilter gebaut. Der Deckel paßt fast genau in den Tubus. Damit er etwas schwerer reingeht, habe ich den Stutzen noch mit etwas selbstklebendem Schaumstoff umklebt:



























Zu guter Letzt habe ich noch einen günstigen Leuchtpunktsucher gekauft und diesen anstatt des Minisuchers, mit dem man außer Mond und Venus eh kaum was finden konnte, auf den Tubus montiert.



























Die Beobachtungen mit diesem modifizierten kleinen Newton zeigen, dass der kleine 76/700 es absolut nicht verdient hat in der Ecke/Keller/Dachboden rumzustehen. Ich denke jedenfalls, daß man durch den Umbau wirklich `ne Menge Spaß mit dem Kleinen haben kann. Vor allem kann man sagen, dass der 76/700er nun garantiert nicht mehr das schlechteste ist, was der "Billigmarkt" so hergibt.