Start Beobachtungsberichte 2013 16.11.2013 - ISON regt die Zapfen an ...

Gestern Abend sagte mir die Wettervorhersage, dass es vielleicht nochmal klappen könnte, den möglichen "Jahrhundertkomet" C/2012 S1 ISON zu beobachten, bevor ... ja, ... mmmhhh ... bevor was eigentlich? Bevor er bei weiterer Annäherung an die Sonne zerbricht, wie manche Stimmen orakeln? Oder bevor er bei weiter fallender Höhe über dem Horizont in der zunehmenden Dämmerung unsichtbar wird - wenn der vor Monaten vorhergesagte Helligkeitsanstieg ausbleibt, der den Kometen kurz vor und kurz nach der Sonnenumrundung sogar am Taghimmel erstrahlen lassen soll?

Egal was passieren wird, denn schön anzuschauen war der schmutzige Schneeball schon vor ein paar Tagen im 20x80 Triplet Fernglas und die letzte Beobachtungen vor zwei Tagen zeigte auch, dass die Helligkeit der Koma auch tatsächlich weiter ansteigt, wenn auch nur ganz langsam.

Ich beschloss also mir den Wecker für 4.00 Uhr zu stellen, um mal wieder an meinen ca. 5 km entfernten Beobachtungsplatz zu fahren, der u.a. auch eine gute Sicht in Richtung Südost bietet, wo ISON zu finden ist. Um nicht wie in der letzten Zeit allein rausfahren zu müssen, rief ich meinen Freund Christoph an, der sich gerade mit dem Astrovirus infiziert hat - nett mitanzusehen, wie die "Krankheit" gerade ausbricht.

@ Chrissy: Du hast keine Chance, ich sehe das ganz genau. Den Rest geb ich Dir im VHS-Kurs.

Chrissy war gleich "Feuer und Flamme" und genauso wie ich, packte er gleich die Klamotten, die es mitzunehmen galt. In meinem Fall waren das: Binomount, 20x80 Triplet, mein 10x50 Bresser und mein 7x35 Revue Fernglas, die EOS1000D, Fotostativ und meine Eieruhr-Barndoor, um ein paar Langzeitbelichtungen des Kometen schießen zu können. Chrissy hatte seinen Kamerarucksack mit seiner Nikon-Vollformatkamera und Zubehör und sein Fotostativ eingepackt.

Punkt 4 bimmelte dann nach 5 Stunden Schlaf der Wecker, der anscließende Blick aus dem Fenster zeigte auch Sterne, aber auch ´ne Menge Dunst und Schlieren am Firmament. Über die "WhatsApp" kam dann auch das erste Lebenszeichen meines "neuen" Astrofreunds, die auch etwas skeptisch klang. Hätte Chrissy geschrieben, dass er sich wieder hinlegt, ich hätte ihm vermutlich nichts entgegengesetzt. Aber das Gegenteil war der Fall. Hätte ich geschrieben, dass es überhaupt keinen Sinn macht rauszufahren, dann hätte er sich wahrscheinlich tatsächlich auch wieder in die Horizontale begeben. Meinem Geschreibsel in der WhatsApp entnahm er aber offensichtlich, dass ich "nur" unentschlossen und nicht völlig abgeneigt war. Also schrieb er "Wir fahren, ich kann die Sterne sehen". Also gut, ich wollte meinen VHS-Schüler ja auch nicht gleich entmutigen und ausbremsen. Ehrlich gesagt, mir hat in den letzten Monaten genau das gefehlt, einer der gegen meinen inneren Schweinehund spricht, und ich endlich mal wieder den Arsch hochbekomme und zu "unchristlicher" Uhrzeit das Feld für astronomische Beobachtungen aufsuche - Danke Chrissy!

Eine Viertelstunde später stand ich mit meinem Auto vor seinem Haus, um ihn abzuholen. Er hatte schon Kaffee gekocht, der bei den -3° C echt gut tat. Und ab gings an meinen BeoPlatz, den ich in diesem Jahr erst ein- oder zweimal aufgesucht hatte. Die Bedingungen waren nicht gerade als gut zu bezeichnen. Zwar waren wir nun knapp über dem Nebel, der uns in unserem Heimatdörfchen noch umgab, aber auch hier war der Himmel noch etwas trübe, schlierig und zu allem Überfluss auch noch vom Mond erleuchtet, der noch immer ca. 10° über dem Westhorizont stand. Trotzdem wollten wir uns den frühen Morgen nicht vermiesen lassen und luden erstmal unseren Kram aus dem Auto, tranken noch ´nen Kaffee und bauten dabei das Equipment auf.

Zuerst wollte ich meinen Fotokram an den Start bringen und versuchen den Kometen C/2013 R1 Lovejoy abzulichten. Bei dem ganzen Dunst fand ich aber das Sternbild "Kleiner Löwe" erst garnicht. Ich konnte mit der EOS nur grob in die Richtung peilen und ein paar Probeschüsse machen - mit dem Ergbnis, dass ich außer Sternen nichts auf den Chip der Kamera bannen konnte. Es gelang mir einfach nicht die EOS korrekt auf den hellen Lovejoy auszurichten.

Interessanterweise blieb der Himmel aber nicht konstant dunstig, sondern recht wechselhaft. Zwischendurch gab es immer mal wieder richtig klare Momente mit, für Mond, recht guter Transparenz des Himmels. Da das Zeitfenster bis zur Morgendämmerung recht klein war, hatte ich keine Lust mehr mir weiter Stress, mit dem Versuch Lovejoy zu knipsen, zu machen. Also schnappte ich mir das 20x80 Triplet und montierte es auf meiner Binomount. Leider ging das nicht ganz ohne Probleme. Offensichtlich hat das Holz des Winkels, auf dem das Fernglas montiert wird , in meinem Kellerraum etwas Feuchtigkeit gezogen, sodass wir die Fotoschraube nur mit Mühe und einer Kombizange durch das Loch für die Schraube durchzwängen konnten. Dabei brach dann auch noch der Plastikkopf der Schraube ab, aber egal, das konnte meine Stimmung auch nicht vermiesen - das Fernglas war montiert und die visuelle Suche nach dem Kometen Lovejoy konnte beginnen.

Nach kurzer Suche während eines wieder recht guten Momentes mit guter Transparenz, tauchte Lovejoy dann auch im Gesichtsfeld meines Fernglases auf. Deutlich war die große Koma und ein leichter Schweifansatz zu erkennen. Die Koma ist auf jeden Fall immer noch deutlich größer als die des Kometen ISON.

Während eines weiteren Kaffee´s und einer Zigarette bemerkten wir, dass der Himmel nun scheinbar konstant besser wurde. Der Mond versteckte sich gerade hinter den nahen Bäumen, hellte dabei den Himmel natürlich immer noch viel zu sehr auf, aber blendete nun nicht mehr beim Blick in seine Richtung. Es muss so etwa gegen 5.30 Uhr gewesen sein, als ich zum ersten Mal den Kometen C/2012 S1 ISON ins Visier nahm und dank des hellen Sterns Spica auch schnell fand. Tja, ... mmmmhhhh, ... irgendwie hatte ich gehofft, dass er seit meiner letzten Beobachtung vor zwei Tagen noch etwas an Helligkeit zugenommen hätte. Den Eindruck hatte ich allerdings nicht. Aber den Schweif konnte ich wieder etwas deutlicher erkennen, als vor zwei Tagen - die Betonung liegt dabei auf "etwas". Wahnsinnig auffällig erschiener uns nicht.

Aber was auch Christoph auffiel - die Koma des Kometen leuchtete in einem schwachen Grünton. Klasse, das war dann doch eine neue Entdeckung und lässt auch darauf schließen, dass ISON doch an Helligkeit gewonnen hat, wenn nun auch die farbempfindlichen Zapfen im Auge für die Übermittlung eines Farbimpulses an das Hirn angeregt werden. Offensichtlich bewirkten Mondlicht, sanfter Beginn der Morgendämmerung und Horizontdunst, dass der Komet nicht heller erschien als während der letzten Beobachtung. Der Kontrast zum Himmel wird wohl noch schlechter gewesen sein, als bei den Beobachtungen der vergangenen Tage.

Schnell wurde die auf der Eieruhr-Barndoor montierte Kamera mit montiertem altem 135mm Porst Teleobjektiv, abgeblendet auf f/5,6 ´gen ISON geschwenkt und eine Aufnahmeserie mit ISO800 und 60 Sekunden Einzelbelichtungszeit gestartet. 7 der Aufnahmen habe ich dann zu folgendem Summenbild gemittelt:





























Nicht besonders toll, aber erkennen kann man ihn schon. Im Vergleich zu den Daten den hellen Sterne auf diesem Foto, dürfte die scheinbare Helligkeit bei ca. 5 Magnituden gelegen haben. Für eine freiäugige Sichtung nur knapp 10° über dem Horizont viel zu lichtschwach.

Auch Christoph bekam den Kometen auf den Chip seiner Nikon. Ich bin mal gespannt, wie seine Fotos auf dem Rechner aussehen werden.

Zwischendrin bestaunten wir noch den Orionnebel, die Plejaden, h&chi und den Jupiter im 20x80 Triplet. Unter mäßigem Himmel trotzdem nett anzuschauen, aber natürlich kein Vergleich zu einer richtig dunklen Nacht.

Etwas später tauchte dann noch ein weitere "Bewohner" des Sonnensystems über dem Horizont auf. Der innere Planet Merkur, der aufgrund seiner Nähe zur Sonne ja immer nur kurze Gastspiele am Himmel gibt, gesellte sich in die herrliche Samstagmorgenstimmung, während die Dämmerung weiter fortschritt.






























Über Dunkeladaption brauchten wir uns nun wirklich überhaupt keine Gedanken mehr machen, die Nacht ging ihrem Ende entgegen, und bei netten Gesprächen über Teleskope, Sternbilder und sonstige astronomische Dinge, einer weiteren Tasse Kaffee und ´nem weiteren Kippchen bauten wir so langsam unser Equipment ab, nicht ohne vorher noch ein "Gruppenfoto" zu machen.






























Wie man bei diesem Foto sieht, waren die Optiken bereits am zutauen - und im selben Moment am vereisen. Es war wirklich bitterkalt. Bei zwar "nur" -2° C, die das Autothermometer bei der Rückfahrt anzeigte, aber recht hoher Luftfeuchte, wie die vereisten Kameras und Ferngläser zeigten, wunderte uns das dann auch nicht.

Es war bereits nach 8 Uhr, als wir nach einem wirklich tollen Morgen die Heimreise antraten. Die Skepsis während der Hinfahrt zum Beobachtungsplatz war während der Lovejoy-Beobachtung bereits gewichen und spätestens bei der Wahrnehmung der grünlichen Farbe von ISON war klar, das frühe Aufstehen hatte sich mal wiedergelohnt.






























Chrissy, Danke für den echt schönen Samstag-Morgen. Ich hoffe, dass wir noch einige schöne Beobachtungen zusammen durchführen werden.