Start Beobachtungsberichte 2011 09.01.2011 - Medusa und die verlorenen Trapezsterne des Orion

Die erste Überschrift, die mir für meinen neuen BB einfiel war diese: "Wider dem inneren Schweinehund!" So gings nämlich gestern Abend los. Das Wochenende hatte ich bei Astrokollege Jan verbracht und war von diesem gegen 18Uhr wieder Heim gekehrt. Ich war ziemlich platt, da ich die letzten beiden Nächte zu wenig Schlaf bekommen hatte - nicht wegen CS, sondern einfach weil ich Freitag daheim am Läppi und Samstag bei Jan kein Ende gefunden habe. Da wir uns seit dem ATDS-Teleskoptreffen im vergangenen August nicht mehr gesehen hatten und uns doch einiges zu erzählen und diverse Musiken anzuhören hatten, wollte ich die Zeit nutzen. Der Schönheitsschlaf mußte daher zurückstecken.

Eigentlich wollte ich nachdem die Kids im Reich der Träume angekommen waren, den Abend auf der Couch in den Armen meiner Liebsten ausklingen lassen. Aber es sollte anders kommen. Zum einen ist der Sonntag Abend der heilige "Tatort"-Abend meiner Frau, zum anderen wollte der Himmel sich einfach nicht zuziehen. Im Gegenteil, es klarte mehr und mehr auf und nachdem ich zwischen zwei Kippen hin und her überlegt hatte, ob ich meinen Astrokram nochmal raus bringen soll, der aktuelle Satellitenfilm noch dazu für einige Stunden CS versprach, packte ich den 8"er sammt Zubehör ins Auto und machte mich auf den Weg zu meinem Lieblingsspechtelplatz.

Direkt bis dorthin kam ich aber leider nicht mehr. Ca. 500m vorher mußte ich die Weiterfahrt aufgrund des nicht geräumten Feldwegs aufgeben. Das Risiko mich des Nachts allein mitten im Feld festzufahren war mir einfach zu groß. Somit endete die Fahrt zwar auch mitten im Feld, aber immer noch in Sichtweite der Landstrasse, die des Nachts allerdings glücklicherweise sehr wenig frequentiert ist. Aber noch ein Übel ist am nicht weit entfernten Nord-Nordwesthorizont zu sehen - der angestrahlte Georg-Viktor-Turm auf unserem Hausberg und die dahinterliegende Lichtglocke über der Kreisstadt Korbach.




























Beide stören mich an meinem eigentlichen Beobachtungsplatz weniger, da noch ein Stück Wald davor liegt. Am schlimmsten aber sind die Scheinwerferkegel der Autos, die des Nachts noch von Goldhausen (links an den Hängen des Hausbergs) aus in Richtung Süd-Südost die Landstrasse herunter fahren.

Gegen 22.10Uhr begann ich mit dem Ausladen und Aufbauen meines Equipments. Der Mond war gerade im Begriff sich hinter dem Waldstück zu verkrümmeln, was meiner Vorliebe für Deepskyobjekte doch sehr entgegenkam.


Der Gnubbel links ist Jupiter, der bei 55mm Brennweite leider zur Strichspur mutierte.



















Zum ersten Mal hatte ich auch meine neue Sternkartensammlung dabei - ein DIN A4 Ordner mit den ausgedruckten A- und C-Sets des TriAtlas von José Ramón Torres. Das A-Set nutze ich draußen ja schon seit ca. 2 1/2 Jahren. Das viel detailiertere über 200-seitige C-Set hingegen, habe ich bisher nur zu Hause am Rechner für die Vor- und Nachbereitung meiner Beobachtungen genutzt. Draußen unterm Nachthimmel kam ich aber schon mehr als einmal in die Situation, dass ich mir eine detailreichere Karte für´s Starhopping herbeiwünschte. So kam es, dass ich mir das C-Set vor ca. 3 Monaten ausgedruckt, in Klarsichthüllen verpackt und in einem großen Ringordner geparkt hatte. In der letzten Nacht konnte sich das C-Set also auch endlich mal im Freien bewähren.

Während mein 8" f/6 GSO Dobson sich langsam an die kalte Außentemperatur gewöhnte (ca. -8°C), schoss ich erstmal ein paar Fotos vom Nachthimmel.

Während sich im Osten der Löwe aus den Dunstschichten des Horizonts befreite ...



























... versank die Sommermilchstrasse am westlichen Nachthimmel.



























Die Transparenz schien im Zenit ganz brauchbar zu sein, in Horizontnähe war es aber doch etwas dunstig. Dies verschlechterte sich im Laufe der kommenden zwei Stunden auch noch etwas. Die Grenzgröße schätzte ich zu Beginn auf ca. 5m8 in UMi, im Zenit dürfte es ca. 0m3 - 0m4 besser gewesen sein.

Außer dass ich doch ziemlich groggi war, gab es noch etwas anderes, was mich schwer gegen meinen inneren Schweinhund kämpfen ließ - ich hatte keinen Plan, was ich beobachten sollte. Aber da ich ja kartentechnisch gut ausgerüstet war, entschied ich mich auch ohne Plan erstmal loszufahren. Der Hauptgrund, warum ich dann auch tatsächlich losgefahren bin war aber der, dass es einfach nicht sein konnte, dass ich seit Monaten über das Wetter schimpfte und dann bei endlich eingetroffenem CS nicht rausgehen wollte. Ich hatte auch zuerst vor in der heimischen Einfahrt zu bleiben. Da aber alle Nachbarn ringsrum noch hell erleuchtete Fenster hatten war die Entscheidung noch mal rauszufahren schnell getroffen.

Nach meiner Fotorunde und Justage des Dobson mit dem Justierlaser sollte es dann auch losgehen. Auf eine Justage am Stern verzichtete ich aus Faulheitsgründen. Wird schon nicht so arg daneben liegen und ein f/6 Newton ist da ja nicht so empfindlich, so meine Gedanken. Etwas später sollte ich aber eines Besseren belehrt werden.

Ich beschloss erstmal mit geringerer Vergrößerung den Orionnebel nach Farbe abzusuchen. Ist ja in den Foren auch immer wieder Thema. Dazu baute ich gleich meinen Binoansatz sammt Glaswegkorrektor zusammen, da ich mir damit die größten Erfolgschancen versprach. Der Anblick von M42 war dann damit auch ganz lecker. Mit den 26mm Plössl Okularen komme ich am 8" f/6 Dobson auf knappe 58fach Vergrößerung. Der riesige Nebel passt so gerade ins Gesichtsfeld, aber nur durch etwas Abfahren stelle ich fest, dass der "Orionbogen" komplett geschlossen ist. Ein sehr schöner Anblick, den ich lange auf mich wirken lasse. Sehr schön die vielen Strukturen, nicht nur in der hellen Zentralregion. Auch die "Schwingen", die in zwei Richtungen vom Zentrum aus weglaufen zeigen schöne Strukturen. Mit Farbe erkennen tue ich mich aber wieder sehr schwer. Ich denke es ist mehr Wissen, dass er grünlich leuchtet, als dass ich wirklich Farbe erkenne. Auch eine höhere AP mit meinem 2" TS WA32 bringt keine Farbe, dafür aber eine noch schönere Komplettansicht, da nun um den großen sich geschlossen zeigenden Nebel auch noch etwas Feld drumherum ist. Der Gesamtanblick gefällt mir so wesentlich besser als im Bino. Mit dem Bino ist der Eindruck aber etwas plastischer und es zeigen sich mehr Strukturen, was aber auch an der etwas höheren Vergrößerung liegt. Mit dem TS WA32 komme ich auf 37,5-fach.




























Mit dem Bino habe ich auch Ausschau nach dem Trapez gehalten. Trotz mittelmäßigem Seeing waren die vier hellen Trapezsterne gut getrennt zu sehen. Die beiden wesentlich schwächeren Komponenten E und F konnte ich aber nicht ausmachen. Ich beschloss die Suche danach aber noch nicht aufzugeben, legte den Binoansatz erstmal bei Seite und ging gleich mit höherer Vergrößerung in Form meines Speers 5-8mm Zoomokulars an´s Eingemachte. Aber auch darin konnte ich keinen der beiden schwächeren Trapezsterne entdecken. Ich schob es erstmal auf´s Seeing, war dann aber doch neugierig und beschloss mal am Stern die Justage des Teleskops zu überprüfen. Der leicht südlich von M42 stehende Stern l Ori zeigte denn auch gleich eine leichte Dejustage. An Polaris korrigierte ich diese und schwenkte den Dobson erneut auf das Trapez im Orionnebel. Und siehe da, sofort zeigte sich die E-Komponente und nach ein bischen weiter beobachten blitzte auch die F-Komponente direkt neben der sehr viel helleren C-Komponete des Trapez auf. Aufgrund des mittelmäßigen Seeings konnte ich diese allerdings nicht permanent halten. Aber gesehen habe ich sie dennoch, da sie immer mal wieder an gleicher Position auftauchte.

Hieran zeigte sich mir zum ersten Mal, wie wichtig eine genaue Justage auch an f/6 ist. Beim Beobachten von diffusen Nebeln oder Galaxien wird das nicht ganz so wichtig sein. Wenn´s aber daran geht ein feines lichtschwaches Sternchen, noch dazu in direkter Nachbarschafft eines sehr viel helleren Sterns zu entdecken, dann spielt es ganz offensichtlich eine sehr grosse Rolle, wie gut das Teleskop justiert ist. Ich hätte nicht gedacht, dass sich das so deutlich zeigen würde. Die Dejustage war auch nicht so stark, als dass ich eine wesentliche Besserung nach der Justage an Polaris erwartet hätte. Die Praxis belehrte mich aber eines besseren.

Mit dem Bino machte ich noch ein paar Kurzbesuche bei h&chi, M81+M82 und M31, die mir außer ihre zwei großen Begleiter auch zwei Staubbänder zeigte, wenngleich das Zweite nur ganz schwach zu erkennen war. Von M81 konnte ich außer dem aufgehellten Zentralbereich keine weiteren Details entdecken. Spiralarme waren nicht zu erkennen. M82 zeigte seine markante Zerklüftung im Zentrum. Ansonsten konnte mir nur h&chi im Bino wirklich gut gefallen. Zwar sind die Sterne nicht so scharf abgebildet wie in meinen Speers Okus, aber der dreidimensionale Eindruck der beiden Haufen, die bei knapp 58-facher Vergrößerung nicht mehr ganz zusammen ins Gesichtsfeld der beiden 26ger Plössl passen, weiß mich zu überzeugen, dass der Binoansatz doch kein reines Sonnensystem-Spechtelgerät ist. Nebel und Galaxien mag ich aber weiterhin nicht so gern damit beobachten, mit Außnahme vieleicht noch M42, weil der recht groß und hell ist.

Bei der Beobachtung von M81+M82 entstand dann auch dieses Foto.



























Hintergrund ist der, dass ich beim Beobachten kurz nicht aufpasste und direkt ins Fernlicht eines entfernt fahrenden Autos blickte. Da die Dunkeladaption dadurch eh gerade massiv gestört wurde beschloss ich noch das ein oder andere Foto zu schießen.

Dann verstaute ich dass Bino sammt Okularen wieder im Binokoffer und überlegte bei einem Zigarettenpäuschen, wie es nun weitergehen sollte. Ich beschloss ein wenig im Umfeld "meines" Sternbilds der Zwillinge auf die Pirsch zu gehen und schlug die entsprechenden Seiten im A-Set des TriAtlas auf. Dabei fiel mir aber noch ein, dass ich dem Supernovaüberrest M1, dem Krebsnebel im Stier gern mal wieder einen Besuch abstatten wollte. Den hatte ich vor knapp drei Jahren das letzte Mal aufgesucht und war damals recht enttäuscht von dem, was man davon sehen konnte. Nun mit etwas mehr Beobachtungserfahrung erhoffte ich mir etwas mehr davon sehen zu können. Dies bewahrheitete sich dann auch im 14mm Speers, in dem ich seine sehr unreguläre Form gut ausmachen konnte. Der komplette Nebel wirkte auch sehr unruhig, sprich irgendwie rauh und kräuselig auf mich - keine homogen glatte Oberfläche, wie viele andere Nebel am Sternenhimmel. Mit höherer Vergrößerung ging dann aber immer mehr "das Licht" aus, sodass ich M1 die meiste Zeit mit dem 14er Speers bei knapp 86facher Vergrößerung beobachtete.




























Nachdem ich nur kurz noch beim Flammennebel NGC2024 knapp östlich neben dem östlichen Gürtelstern Alnitak im Orion vorbeischaute, der sich nur schwach vom Himmelshintergrund lösen konnte und es schwer hatte sich gegen den grellen Alnitak durchzusetzen, schubste ich den Dobson weiter nach Osten, um den Rosettennbel NGC2237 mit dem darin eingebetten Sternhaufen NGC2244 zu beobachten. Ich suchte erstmal ohne Filter, da ich mir sicher war, die Sternkonstellation des zentralen Sternhaufens auch ohne Nebel erkennen zu können. Dies bewahrheitete sich dann auch sehr schnell. Vom Rosettennebel selbst war nur ein ganz schwaches Glimmen im 32ger TS WA zu erkennen. Der UHC-S Filter von Baader brachte schon etwas mehr Nebel zum Vorschein, allerdings nicht annähernd so viel wie der Baader OIII Filter. Darin war der Kontrast zum Hintergrund so groß, dass die Rosette als stark zerklüfteter Nebelring um NGC2244 deutlich zu sehen war. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, was solch ein Filter zu leisten im Stande ist.


Das letzte Foto der Nacht - das Objektiv taute langsam zu, daher die Sternhalos.





































Danach ging es weiter zu Abell 21, dem Medusanebel. Da ich mir schon dachte, dass der auch am besten mit OIII-Filter zu finden sein würde, schraubte ich meinen Baader OIII auch sogleich in mein 2" TS WA32 und machte mich per Starhopping am 8x50 Sucher und der entsprechenden Karte aus dem C-Set des TriAtlas auf die Suche. Der nicht sehr helle, sichelförmige Nebel war auch sofort gefunden, mehr Vergrößerung brachte aber keine zusätzlichen Details zu Tage. Der Versuch den Medusanebel ohne Filter zu finden scheiterte kläglich. Lediglich mit meinem Baader UHC-S Filter konnte ich nach langem Hinschauen erkennen, dass da was ist. Viel mehr ging aber auch damit nicht. Die erste Filterwahl ist für mich somit der OIII-Filter.

Obwohl Weihnachten ja nun schon wieder ein paar Tage vorbei ist, wollte ich dem Weihnachtsbaumhaufen NGC2264 mal wieder einen Besuch abstatten. Im letzten Winter hatte ich den glaub ich garnicht beobachtet und somit war es mal wieder an der Zeit. Schön anzusehen, welche Muster (Weltraum-)Mutter Natur für uns so bereitgestellt hat. Das Bäumchen sieht im 32ger TS WA schon ganz witzig aus. Viel Phantasie braucht man jedenfalls nicht, um sich da einen Baum vorzustellen, der noch dazu im Newtonteleskop "richtig rum" steht. Den Konusnebel an der Spitze des Haufens konnte ich leider nicht erhaschen, wußte aber auch nicht, wo genau ich diesen suchen mußte - ich hatte einfach gerade kein Bild davon im Kopf abrufbereit.

Nachdem ich mich bei diesem Objekt nicht so lange aufgehalten hatte, schwenkte ich nur wenige Bogenminuten in Richtung Südwesten, um NGC2261 - Hubbles variablen Nebel einzufangen. Ich hatte auf dem Übersichtsoku noch den Baader OIII-Filter drauf und versuchte damit den Nebel zu finden. Aber Fehlanzeige. In der OIII-Linie scheint der Nebel nicht zu emittieren. Ohne Filter war es dann überhaupt kein Problem den Nebel zu finden. Höhere Vergrößerungen mit meinem 5-8mm Speers-Zoom brachten die keilförmige Form, die etwas an einen Kometen erinnert, noch ein klein wenig besser zum Vorschein.

Langsam wurde mir kalt, der Wind blies aus Richtung Westen doch sehr kalte und etwas feuchte Luft über die Felder. Der Dobson war bereits von einer ordentlichen Eisschicht überzogen.Ein Objekt wollte ich vor dem Abbauen aber gern noch beobachten. Ich entschied mich schnell für den Eskimonebel NGC2392, der im Zentrum sehr hell ist und in seinem "Halo" eine ziemlich unruhige Struktur zeigte. Weitere Details konnte ich dem Nebel leider nicht entreissen.

Gegen 0.45Uhr begann ich abzubauen - mir war kalt und ich wußte, dass mich um 5.50Uhr der Wecker gnadenlos aus dem Bett schmeissen würde. Um 1.30Uhr lag ich zu Hause im warmen Bett.

Meine Highlights des Abends waren die Beobachtung von Hubbles variablem Nebel und nicht zuletzt die neuen Justageerkenntnisse, die ich bei der Beobachtung des Oriontrapezes sammeln konnte.